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Deeskalation

Die Deeskalation ist ein schwieriges Thema für den Schiedsrichter. Wie kann ich mich vor Gewalt oder dem Gepöbel schützen ? Was muß ich mir als Schiri gefallen lassen ? Wie und wo und wieviel Fingerspitzengefühl muß ich walten lassen? Es gibt kein grundlegendes Rezept, wie man sich vor diesen Beleidigungen schützen kann, außer die rote Karte mit Bericht, aber erfahrene Schiris und Offizielle könnten hier doch einmal Tipps geben, was sie erlebt hatten und wie sie sich aus der Affaire ziehen konnten. Viele Situationen ähneln sich und warum gibt man hier nicht diverse Tipps den Anfängern mit ??!!  Aber auch manch altgedienter Schiri hat eine zu dünne Haut und reagiert hin und wieder zu empfindlich, wobei es dann erst recht zu Nicklichkeiten kommt.

Diese Fragen und mehr werden beim Anwärterlehrgang nicht oder fast garnicht thematisiert. Aber gerade hier sollte man diesem Thema eine sehr große Wertschätzung widmen. Nichts ist schlimmer, wenn ein Jungschiri beleidigt wird und er sofort wieder aufhört. Die Vereine brauchen dringend die Schiedsrichter aber wenige sind in der Lage ihre eigenen Schiris und die Gastschiris in der Halle zu schützen und zu unterstützen. Laut Durchführungsbestimmungen ist der Heimverein in der Pflicht für das Wohlergehen der leitenden Schiris zu sorgen. Aber in den unteren Klassen fehlt es an Hallenaufsicht/Ordner. Erst ab einer bestimmten Liga (Oberliga) sind ersichtliche Ordner Pflicht.

Auf einem Anwärter-Lehrgang erwähnte ein altgedienter TOP-Schiri folgende Worte zur Einstellung und dem Verhalten von Schiris: “ Wir sind Spielbegleiter und keine Richter oder Rächer. Unser Verhalten z.b. bei Verwarnung, 2-Min-Strafe, Disqualifikation oder auch der 7-Meter sollen relativ emotionslos ausgesprochen/angezeigt werden. Als Schiri habe ich nur einen “ Soll-Ist-Zustand“ zu bewerten. Natürlich geht das nicht immer emotionslos an einem vorüber, es ist aber wichtig dieses im Griff zu behalten. Das klappt nicht immer am Anfang bis das dicke Fell gewachsen ist, da eben der Druck von Außen uns enorm berührt. Da ist der Trainer der unsportlich reagiert, die Eltern und Zuschauer schimpfen oder auch die Spieler sind mit der Entscheidung nicht zufrieden. Hierdurch fühlt sich eben der Schiri vorgeführt, beleidigt und angegriffen.  Aber so ein dickes Fell wächst eben mal nicht von heute auf morgen. Das dauert seine Zeit und kommt eben erst mit der Routine.
Als Schiri habe ich weder einen Vorteil oder Nachteil, wenn ich einem Spieler eine Progression erteile. Wir versuchen mit dem Spieler hierbei Kontakt aufzunehmen, um gewisse Gräben zu überbrücken. Je höher ein Schiri pfeift, umso wichtiger ist diese Kommunikation nach heutigem Lehrwesen. Die Funktion als Spielleiter/ Gamemanager hat heute einen viel höheren Stellenwert bekommen (Beobachtungsbogen Teil B, der persönliche Teil). Natürlich ist die Regelkenntnis  (Teil A) ein unumstößliches Fundament, aber viel wichtiger ist das Zwischenmenschliche, wie wir versuchen ein Spiel zu moderieren. Und das ist die Kunst, zwar stets präsent zu sein aber nicht als Selbstdarsteller negativ aufzufallen.
Und immer wieder machen die Schiris einen gravierenden Fehler: “ Sie missachten ihre Gehilfen, das Kampfgericht !“ Das Kampfgericht und die Schiris bilden ein gemeinsames Team in diesem Spiel. Die Kampfrichter sorgen für Ruhe auf den Bänken, tragen alles ordnungsgemäß in das Spielprotokoll, kontrollieren die Auswechselvorgänge, geben Team-Time-Out u.u.u. Aber wenn dem Kampfgericht keine Wertschätzung widerfährt und dabei auch Fehler machen, so kann dies zu unnötigen Problemen kommen. Im Endeffekt sind aber die Schiris für die Fehler verantwortlich. Es sollte doch in ihrem Sinne sein, daß es harmonisch im Team abläuft. Sorgt als Schiri für ein gutes Klima untereinander und dann kann jeder einen guten Job verrichten ! “ (Vielen Dank S. für diese Worte ! Juli 2018)

Gesammelte Stichpunkte für eine weitere Ausarbeitung: ( Wenn du auch einen Tipp hast, kannst du gerne im Kommentarfeld etwas reinschreiben.)

  • Genügend Coaches zur Verfügung stellen, ob vom Heimverein oder vom Verband. (Ist natürlich stets auch eine Geldfrage)
  • Vor dem Spiel mit den beiden MV´s sprechen, daß du ein Jungschiri bist, daß du gerne bereit bist nach dem Spiel von beiden ihr Feedback zu bekommen, aber während dem Spiel um Verständnis bittest, dass mal der ein oder andere Pfiff nicht korrekt sein könnte. Mit dieser Praxis hatte ich als Jungschiricoach tolle Erfahrung gemacht !!
  • „Stammtischtreffen“ von Vereinsobleuten, Schiriobleute, Ansetzer und Lehrwart zum Start einer Saison oder zur Halbzeit um evtl Probleme zu besprechen, Wünsche zu äußern. Hierbei Respekt und Miteinander zu fördern.
  • Nimm die Beleidigung nicht persönlich. Die Zuschauer kennen dich nicht persönlich, nur als Schiri. Und morgen kommt ein anderer Schiri, der genauso beleidigt wird. Lass dir ein Fell wachsen und überhöre solche Beleidigungen, wenn sie vom Publikum kommen. Anders sieht es natürlich aus, wenn sie von Beteiligten kommen oder Tätlichkeiten seitens des Publikums angedroht werden.
  • Hast du Probleme auf einer Seite (Publikum oder Trainerbank), dann wechsel die Seite und nehme somit die Angriffsfläche weg.
  • Einen aufgebrachten Trainer mit leisen und ruhigen Worten entgegenkommen, dadurch wird er automatisch auch ruhiger, denn er möchte ja auch dich dann verstehen können. Wenn er schreit/brüllt kann er ja nicht deine leisen Wörter verstehen.
  • DHB Folie Bankverhalten und Stressfaktoren – unnötigen Stress vorbeugen und vermeiden
  • Vortrag von Jürgen Scharoff(aktueller Beitrag 3.2017 im Handballschiedsrichter-steht als Download zur Verfügung ) “ Wenn der Baum brennt “ – Handlungsalternativen : – Vorbereitung auf die Ausgangslage , –Vorbereitung auf die Atmosphäre, – Selbstwertgefühl zeigen bzw steigern, – Aktiv Einfluß nehmen (Aktion statt Reaktion), – Zeichen setzen (z.b. Ermahnung nutzen), – Linie wenn nötig anpassen, –Spiel frühzeitig disziplinieren, – Führungsspieler sensibilisieren, – Unruhestifter ausschalten, – Klare und deutliche Körpersprache, – Sichere Kommunikation mit Teampartner, ZN/SK, Spielern und Offiziellen, – Präsenz zeigen, nicht verstecken, – Spiel, Spieler und Umfeld in hektischen Phasen beruhigen, – Sich und Spielern Zeit lassen (Time-out, Wischen, Korrekturen, …), – Optimale und antizipative Spielbeobachtung durch angepasstes Lauf – und Stellungsspiel
  • Sei fit in der Regelkunde, denn nur, wer das Regelwerk beherrscht, kann damit richtig spielen und kann somit auch dem Besserwisser den Wind aus den Segeln nehmen.
  • Lass dich während dem Spiel nicht verunsichern. Denke nicht über deine Fehler nach, sondern konzentriere dich auf dein Spiel. Den Pfiff/Entscheidung kannst du eh nicht mehr zurücknehmen. Nach der Devise: Steh zu deinen Fehlern und ziehe die Konsequenz daraus. Aus Fehlern lernt man dazu. (Kay Holm hatte bei den Schiedsrichtertagen 2017 einen netten Bericht dazu gehalten)
  • Bei Rudelbildung nicht eingreifen, da dies sonst auf eigene Gefahr geschieht. Bleib in Sichtweise und notiere, das was du siehst.Im Gespann vorher absprechen, wer welchen Bereich abdeckt.Oftmals erkennt man recht früh, wenn sich 2 Spieler nicht mögen. Hier sollte man rechtzeitig ermahnende Worte fallen lassen, dass man ihnen nun besondere Wertschätzung zukommen läßt. So nach der Devise: Wehret den Anfängen. Frühzeitiges Erkennen von Warnsignalen im Spielverlauf, bedeudet für den Schiri auch hierauf rechtzeitig zu reagieren.
  • Ruf den Wischer rein, wenn du einmal etwas mit deinem Partner bei Unklarheiten besprechen mußt, bevor die Entscheidung fällt. Somit kann man auch wieder etwas Ruhe in den Spielverlauf bekommen.
  • Versuche stets objektiv, sachlich und ruhig deine Entscheidungen nach außen hin zu zeigen. Niemals auf die Spieler und Offiziellen hektisch und aggressiv zugehen. Zeige so wenig wie möglich negative Emotionen.
  • Schiricoach oder Beobachter zum technischen Deligierten ernennen, der dann in bestimmten Notsituationen offiziell eingreifen darf, um den Jungschiri zu schützen/helfen. In einigen LVs wird dies bereits positiv praktiziert.
  • Klare richtige Worte zu finden um deeskalierend zu wirken ist schwer als Anfänger. Aber genauso schwer ist es dann auch sich von einer Diskussion rechtzeitig zu lösen, damit es nicht zu langatmig wird. Das Publikum wird dann dadurch auch schnell unruhig.
  • Kommuniziere ordentlich und kameradschaftlich mit deinem Kampfgericht. Diese sind deine Gehilfen und sie sollten dich auch unterstützen, wenn es unsportlich unruhig auf der Bank wird. Ihr seid ein Team !
  • Hab genug Kondition für ein Spiel, denn wem die Kondition fehlt, dem fehlt auch schnell die Konzentration. Ein guter Schiedsrichter glänzt nicht alleine durch hervorragende Regelkenntnis ( Beobachtungsbogen Teil A), sondern indem er als guter Manager auf dem Feld das Spiel leitet (Beobachtungsbogen Teil B). Wichtiger ist es zu erkennen und daran zu arbeiten, dass durch ein sehr gutes Lauf- und Stellungsverhalten die Fehler der Spieler besser erkennen zu können.
  • Als Schiri der auch selber spielt hat den Vorteil das Spiel lesen zu können und auch hierdurch zu antizipieren.

Was ist aber, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, der Jungschiri heulend vom Platz geht, die 2. Halbzeit sich nicht mehr traut anzupfeifen, oder eben keine weiteren Spiele mehr pfeifen möchte ? Welche Maßnahmen kann der Bezirk oder Verband dann ergreifen, um den Verein maßzuregeln ?

Präventivmaßnahmen hatte ich schon genügend aufgezählt auf meiner Seite „Schiri werben. Jetzt gibt es eigentlich nur noch eine Maßnahme: den Verein spürbar in Strafe nehmen wie z.B

  • Teure Schiedsrichter zu den nächsten Spielen hinschicken, was leider nicht überall Wirkung zeigt. In Hamburg z.B. gibt es Einheitspreise beim Fahrgeld, in anderen Bundesländern wie z.B. Schleswig Holstein werden die Gesamtkosten gemittelt und somit straft man dann alle beteiligten Vereine.
  • Der Verband oder auch der Bezirk kann dann aber offizielle Spielaufsicht zu Lasten des Vereins schicken, und nicht nur einmal !
  • Durch die Nichterfüllung der Durchführungsbestimmungen könnten Geldstrafen vom Verband/Sportgericht ausgesprochen werden.
  • Jungschiris und deren Coaches daurauf hinweisen, daß bei einer Eskalation rechtzeitig das Spiel abzubrechen ist und nicht mehr auf Teufel komm raus alles Mögliche noch zu probieren, das Spiel zu Ende zu leiten. Mit einem schriftlichen Bericht an die spielleitende Stelle wird dafür sorgen, dass dieser Verursacher hoffentlich ordentlich in Strafe genommen wird.
  • Schiricoach oder Beobachter zum technischen Deligierten ernennen, der dann in bestimmten Notsituationen offiziell eingreifen darf, um den Jungschiri zu schützen/helfen. In einigen LVs wird dies bereits positiv praktiziert. Diese Aktion kann natürlich auch mit Kosten verbunden sein.
  • Immer wieder den Aufruf starten für mehr Wertschätzung, Respekt und Anerkennung für den Schirijob, denn ohne den Schiri gibt es eben auch kein Handball !
  • Umfrage zum Vorbeugen für weitere Probleme (Eigenentwurf) für den Verband oder auch den Bezirk.

Wie gesagt, es sind meine Gedanken, die man bestimmt auch zum Teil rechtlich überdenken muss. Ich nehme hier aber jede Anregung mit auf, die mir spontan einfallen oder auch von euch zugeschickt werden.

Ich habe die ersten 25 Jahren meines Schiridaseins, jemals zuvor keine solche Folie vor die Nase bekommen, geschweige denn wurde auf Lehrgängen dieses Thema aufgegriffen. Bitte macht euch Schiris diese Folien zu Nutze, auch wenn bei den Folien die Videos fehlen aber die Hinweise sind echt hilfreich ! Für Ergänzungen bin ich stets dankbar und würde sie hier in diese Seite einpflegen. Ebenso möchte ich hier Videoszenen zeigen oder besser verlinken auf meine Videolehrebene. Dort habe ich schon einige Szenen bzgl Deeskalation.

Folie von Carlo Schulz zum Thema : “ Kommunikation

Folie von Ralph Müller :“ Schiedsrichter_Koerpersprache

Folie DHB Thema Bankverhalten und äußere Einflüsse: “ 021 Bankverhalten & äußere Einflüsse

Folie vom Züricher HV von 2013  „Auftreten_Bankverhalten“

Es folgt eine weitere Seite bzgl Deeskalation ( Offizieller via Schiri ) Sie befindet sich im Aufbau. Ich freue mich auf eine Zugabe von Erik Wutke und Maximilian Busch.

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